Klaus Dönecke und Hermann Spix sind nach der Recherche im Sommer in Polen am 05.12. 2011 zu weiteren Nachforschungen nach Israel gereist.

Im Archiv von Yad Vashem suchten sie nach Aussagen von Überlebenden aus dem Raum Zamosc und nach Fotos von den Ereignissen aus den Jahren 1942 bis 1944.
Über den Verlauf ihrer zweiten großen Recherchereise berichten die Autoren auf dieser Seite mit Texten aus ihrem Reisetagebuch.


Jerusalem, Montag 5. Dezember

Nach der Spurensuche zum Essener Reserve-Polizei-Bataillon 67 in Polen in Juni und September führt unser Weg nun nach Yad Vashem in Israel.

Klaus und ich reisen zu Recherchen in jenes Land in dem die Opfer der Shoa und deren Nachkommen ihre Heimat gefunden haben.

Gut vier Stunden Flug, dann landete unsere Maschine gegen vierzehn Uhr auf dem Ben Gurion Airport in TelAviv. Die Reise war dieses Mal bedeutend angenehmer als jene in Frühjahr 2009. Damals gab es auf der Hin- und Rückreise jeweils einen Zwischenstopp in Zürich.

Nachdem wir den Flieger verlassen hatten ging es mit einem Bobby-Car in ziemlichem Tempo, bei der sogar unser spärliches Kopfhaar im Wind flatterte, zur Eingangshalle des Flughafens. Dort erwartete uns Ilan Mkayton, der Gatte unserer Freundin Noa, der Leiterin des German Desk der International School for Holocaust Studies in Yad Vashem. Er lenkte sein Gefährt mit sicherem Gespür durch den einsetzenden Feierabendverkehr zu unserem Hotel nach Jerusalem.

Im Gegensatz zum usseligen Wetter in Düsseldorf erwartete uns in Tel Aviv blauer Himmel, Sonnenschein und angenehme Temperaturen. In Jerusalem gab es zwar auch einen wolkenlosen Himmel aber der Höhenunterschied von 700 Metern zur Stadt am Mittelmeer machte sich bemerkbar und abends wurde es empfindlich kühl. Zum Glück hatte ich Pullover eingepackt.

Kaum im Hotel eingecheckt steuerte Klaus auf das Souvenirlädchen zu, um die ihm bekannte Inhaberin, eine aus Wien stammende alte Dame, zu begrüßen. Statt ihrer trafen wir auf die Tochter und erfuhren von der schweren Erkrankung ihrer Mutter. Beide sind wir betroffen, hatte auch ich sie vom Besuch im Frühjahr 2009 noch in wohltuend lebhafter Erinnerung.

Nach dem opulenten Abendessen zogen wir uns auf die Zimmer zurück. Am Schreibtisch mache ich Notizen für den Blog, formuliere den Text und beginne später mit der Lektüre des Romans „Der Fall Collini“ von Ferdinand von Schirach. Als ich gegen zwei Uhr nachts in die Kissen falle geht ein anstrengender Tag zu Ende. Wer weiß was uns morgen, dem ersten Arbeitstag erwartete.


 

 

Jerusalem, Dienstag 6. Dezember

Abends hatten wir darüber gesprochen, dass wir uns in einer anderen Zeitzone befanden. Wollten wir um sieben Uhr aufstehen, so musste der Wecker eine Stunde zurückgestellt werden. Gesagt getan. Mein Handy klingelte um 7 Uhr – tatsächlich war es aber erst 6 in der Frühe. Ohne darauf zu achten, hatte mein Gerät nämlich automatisch in die andere Zeitzone gewechselt und mich deshalb eine Stunde vor der Zeit aus dem Schlaf gerissen.

Der erste Recherchetag lag vor uns und der Aufenthalt hier würde nicht wie die Polenreise verlaufen. Unsere Aktivitäten werden sich auf das Archiv in Yad Vashem beschränken.

Nach einem opulenten Frühstück mit viel frischem Obst, Salaten etwas Käse und Brötchen heuerten wir ein Taxi, das uns nach Yad Vashem brachte. Im Gepäck Präsente, die Transkription der Dreyer’schen Feldpostbriefe, der Aktenordner über Wilhelm Meurin, allerlei Papiere, Landkarten des früheren Generalgouvernements und viele Fragen.

Für neun Uhr sind wir mit Noa Mkayton verabredet. Von der Pforte wird sie über unsere Ankunft informiert. Wenige Augenblicke später kommt sie uns mit strahlendem Lächeln entgegen und wir merken, dass sie sich über unseren Besuch freut.

Wir begleiten sie in ihr Büro und lernen ihre Mitarbeiterin Anna kennen. Kurz drauf kommt Daniel zum Dienst, den ich als Dozenten vom Seminar 2009 kenne. Wir sprechen über unsere Arbeit, sie fragt nach unseren Wünschen und kann uns für jede unserer Fragen einen Gesprächspartner nennen. Selbstverständlich dürfen wir Noa’s Kontakte nutzen, oder uns auch auf sie berufen, wenn es darum geht, weitere Quellen zu erschließen. Sie begleitet uns zum Archiv, stellt uns der Aufsicht vor. Wir verstauen die Taschen im Spind, nehmen unser Arbeitsmaterial und beginnen im Lesesaal mit der Arbeit. Unsere Plätze liegen an einem riesigen Fenster, das uns einem traumhaften Blick über die Hügel gegenüber mit seinen größeren und kleineren Siedlungen erlaubt. Ab und zu können sich die Augen dort ausruhen. Während Klaus gezielt unter dem Stichwort „Polizei“ bzw. „Deutsche Polizei“ Quellen recherchiert, widme ich mich den sog. Testimonies, also den Zeugenaussagen von Überlebenden der Shoa, die nach dem Ende der Nazi-Okkupation systematisch zu Protokoll gegeben worden waren. Mich interessieren vor allen Dingen Aussagen jener Menschen, deren Herkunfts- oder Deportationsorte in den Feldpostbriefen des Kurt Dreyer genannt werden.

Neben der schriftlichen Überlieferung der Zeugen gibt es seit einigen Jahren die von Steven Spielbergs „Visual History Foundation“, auf Film gebannte Aussagen, die leider nur in Yad Vashem eingesehen werden können.

Gegen ein Uhr unterbrechen wir die Arbeit, um mit Noa und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu Mittag zu essen.

Nach der Pause entdecke ich tatsächlich sowohl in den verschriftlichten wie in den verfilmten Aussagen gleichermaßen Schilderungen von Ereignissen, die sich auf Dreyers Einsatzzeit beziehen und mit ihm und seiner Einheit in Verbindung gebracht werden können. So etwa ein Massaker in Krasnobrod vom Oktober 1942.

Eine unerwartete Barriere bildete die Sprache. Natürlich haben die Zeugen ihre Statements in Hebräisch, Jiddisch oder Polnisch abgegeben, was weder Klaus noch ich beherrschen. Einige liegen in englischer Sprache vor.

Bei den Stücken von Steven Spielberg kommt, für uns noch erschwerend, hinzu, dass die filmische Überlieferung nicht in schriftlicher Form vorliegt. So muss man sich die Interview-Filme mit einem Hebräisch sprechenden Menschen ansehen, um die Inhalt zu verstehen.

Unter dem Stichwort Hrubieszow, einer Stadt am Bug, finde ich den Hinweis auf eine Sammlung von 30 Fotographien, die sich sowohl auf Polizeibeamte wie auf eine Deportation beziehen. Rasch sind die Quellen bestellt, werden aber, so erfahre ich, erst am kommenden Morgen vorgelegt werden.

Auch Klaus, der Aktenkopien bestellt hat, wird auf den folgenden Tag vertröstet. So sichten wir bis zur Schließung des Archivs gemeinsam einen kleineren Bestand von Fotographien und beenden gegen halb fünf unser Tagwerk. Es wird schon dunkel, als wir mit einem Taxi zum Hotel zurückkehren.

Heute Abend gibt es im Hotel offenbar organisatorische Schwierigkeiten. Der Speisesaal öffnet erst mit mehr als einer viertel Stunde Verspätung, was bei einigen zu Verärgerung, bei einem Gast sogar zu einem heftigen Wutausbruch führte. Wir sind nur froh, dass wir unseren Hunger endlich gestillt bekommen.

Abends und in der Nacht setze ich meine Schirach-Lektüre fort. Die Geschichte hat mich auch deshalb in ihren Bann gezogen, weil sich hinter dem Fall Collini auch jene Problematik verbarg, die uns auch bei unserer Arbeit begleitet: Die Urteile Deutscher Gerichte gegen NS-Verbrecher in den 1960er Jahren.


 

 

Jerusalem, Mittwoch 7. Dezember

Nach dem üppigen Frühstück mit Kaffee, Käse, Brötchen zu dem auch reichlich Obst und Salate gehören, nehmen wir das morgendliche Taxi nach Yad Vashem. Dort treffen wir in Noa Mkaytons Büro Herrn Dr. Engel von der Staatskanzlei in Düsseldorf. Über unsere Arbeit informiert, fragt er nach dem Stand unserer Recherchen und möchte wissen, mit welchem Ziel wir unsere Recherchen betreiben. Selbstverständlich geben wir die Auskunft, dass am Ende unserer Spurensuche eine Veröffentlichung als Buch stehen soll.

Daraus entwickelte sich ein für mich spannendes Gespräch um die Institutionalisierung von Seminaren für nordrhein-westfälische Polizeibeamte in Yad Vashem. Nach etwa einer Stunde verabschieden wir uns von einander. Dr. Engel reist weiter und wir wechseln über den Innenhof zum Archiv.

Unsere Plätze vom Vortag sind noch unbesetzt. Klaus hat sich für den Tag einen gewaltigen Fotobestand vorgenommen, der aus mehr als 800 Aufnahmen besteht. Außerdem sucht er weiter nach Hinweisen zu Wilhelm Meurin, dessen Spuren sich bisher im Jahr 1942 verlieren.

Während die am Dienstag bestellten Fotos aus Hrubieszow auf sich warten lassen, sehe ich weiter die Testimonies durch und finde zumindest eine Quelle zu den Ereignissen in Krasnobrod 1942. Es könnte sich dabei um Vorfälle handeln, über die unser Zeitzeuge Marian beim Besuch im vergangenen Juni berichtet hatte. Die beiden Seiten sind rasch mit der Kamera aufgenommen. Der Text ist in Polnisch abgefasst und wird von unserer Übersetzerin Anna Turschinski ins Deutsche übertragen, so wie sie es auch schon im Fall des Garfinkelberichts und der Krasnobroder Gemeindechronik 1939-1945 getan hat. Leider steht hier in Israel kein zeitgenössisches Bildmaterial zur Verfügung.

Die MitarbeiterInnen des Archivs unterstützen unsere Recherchen nach Kräften. Immer wieder gibt es Hilfsangebote. Unsere Nachfragen werden beantwortet oder die ein oder andere der von uns aufgeschriebenen Signaturen freundlich korrigiert. Das Götz Aly sich, wie er im Vorwort seines jüngsten Werkes „Warum die Deutschen, warum die Juden? schrieb, bei seinen Recherchen Yad Vashem wohl gefühlt hat, kann ich aus eigener langjährigen Archiverfahrung gut nachempfinden.

Als wir nach getaner Arbeit ins Hotel zurückkehren verabredet Klaus mit der Tochter der Inhaberin des Souvenirlädchens einen Besuch bei deren erkrankter Mutter.

Von der kleinen Unterbrechung am Mittag einmal abgesehen verbringen wir unsere Zeit von 9 Uhr morgens bis nachmittags 17 Uhr mit großer Konzentration vor dem Bildschirm. Abends sind wir rechtschaffen müde und ziehen uns nach dem Abendessen in unsere „Gemächer“ zurück.


 

 

Jerusalem, Donnerstag, 8. Dezember

Der Taxifahrer hatte uns gestern auf der Heimfahrt zum Hotel eine Wettervorhersage für die kommenden Tage gegeben und von Regen und heftigem Wind gesprochen. Der gute Mann hatte Recht behalten. Die Kälte und der Wind kamen früher als erwartet. Die Nacht erschien mir lausig kalt. Gegen halb zwei habe ich mir schnatternd zusätzlich eine dicke Decke aus dem Schrank geholt.

Inzwischen treffen wir uns nun schon den dritten Morgen vor den Recherchen zum morgendlichen Kaffee mit Noa, um Fragen zu erörtern und Hilfe zu erbitten. Wir diskutieren die Problematik der offenbar nicht verschriftlichten Spielberg-Testimonies, sprechen über die Fotobestände zu denen wir gern einen Gesprächspartner hätten. 

Im Lauf des Vormittags kommt Dr. Daniel Uziel, der Leiter der Fotosammlung in Yad Vashem in den Lesesaal, um uns zu begrüßen. Mit ihm sitzen wir wenig später in dessen Büro. Er fragt nach unserer Arbeit und Klaus schildert den thematischen Umfang unserer Recherchen und beschreibt anhand der Unterlagen Meurin u.a. unsere Vorgehen bei der Quellenerschließung. Speziell in diesem Fall weist er uns auf Zuständigkeiten hin und kann uns Archive nennen, in deren Beständen auch Dokumente überliefert sein könnten. Des Weiteren thematisieren wir die Dreyer-Korrespondenz in der, wenig verklausuliert, nachzulesen ist, dass die 67er beispielsweise offenbar bereits kurz nach ihrer Ankunft in Polen im Sommer 1942 an Massakern beteiligt waren. Um dies verifizieren zu können, erhalten wir einen besonders wichtigen Hinweis, der über die Testiomonies, die Fotosammlung oder veröffentlichte Literatur hinausgeht: Erhalten gebliebene Gemeindebücher. Nach unserer Einschätzung ein Tipp, der uns einen großen Schritt voranbringen könnte.

Nachmittags erhält Klaus Kopien zu Belzec, die ich fotografiere. Mir werden die Fotos aus Hrubieszow vorgelegt. Gemeinsam sichten wir die Aufnahmen und können einige Bilder für unsere Zwecke verwenden.

Mit jedem Gespräch, das wir führen, jeder weiteren Fotographie, die wir sehen und jedem neuen Dokument, das wir entdecken, treten Hintergründe und Strukturen immer deutlicher zutage. Anfangs bemächtigte dass Gefühl mit eher dürftigen Ergebnissen nach Hause zurück zu kehren. Nach den ersten drei Tagen haben wir allerdings den Eindruck, als könne anhand der hier gefundenen Überlieferung tatsächlich der Nachweis gelingen, dass Polizisten des 67er Bataillons, die in der Öffentlichkeit früher als „Freund und Helfer“ wahrgenommen wurden und sich zweifellos auch so fühlten, zu reinen Killermaschinen pervertierten.

Dabei haben wir nicht nur an die Shoa und die Zerstörung jüdischen Lebens und jüdischer Kultur im Blick. Auch das Schicksal polnischer Menschen, die aus ihren Dörfern verjagt und zu tausenden ermordet oder nach Deutschland verschleppt wurden liegt in unserem Fokus. Nicht zu vergessen jene, die im Widerstand gegen ihre Vertreibung umkamen.

Freitag ist Schabbat und das Archiv geschlossen. Deshalb haben wir den Besuch des Holocaust-Museums und den Kinderdenkmals geplant.


 

Jerusalem, Freitag 9. Dezember

Hier in Israel beginnen freitags ab Sonnenuntergang die Feiern zum Schabbat. Der Campus von Yad Vashem ist aber bis 14.00 Uhr geöffnet und wir wollen diesen halben Tag nutzen. Wir besuchen einige Orte, die während der Seminare aus Zeitmangel einfach zu kurz gekommen sind. Das ist in erster Linie die Ausstellung. Obwohl wir mit Noa Mkayton immer eine sehr kompetente Führerin hatten, war die Zeit doch immer zu knapp, um einige Teile der Ausstellung genauer anzuschauen.

Es geht dann also erst einmal in den imposanten Museumsbau. Wir hoffen natürlich auch dieses Mal auf Spuren des Essener Bataillons zu stoßen. Die finden wir leider nicht, aber eine ganz andere Sache elektrisiert uns zunehmend:

Ein Befehl, den Heinrich Himmler am 19. Juli 1942 unterschrieben hat besagt, dass das Generalgouvernement bis zum 31.Dezember 1942 „judenfrei“ zu sein hatte.

Am 25. November 1942 wird die von Hauptmann d.Sch. Meurin geführte Polizei-Abteilung z.b.V. Zamosc geschaffen. Das Personal für diese Einheit stellt das Polizei-Regiment 25. Die Abteilung arbeitet mit der „Umwandererzentrale“ zusammen.

Unser Briefeschreiber Dreyer schreibt am 23. Dezember 1942 an seine Frau, dass man ältere Polizeireservisten aus dem Einsatz herauslösen würde und dafür jüngeres Personal einsetzen wolle. Er sei als einer der wenigen älteren Reservisten gefragt worden, ob er bleiben wolle. Das hat Kurt Dreyer dann auch getan.

Hermann und ich sind sehr gespannt, ob sich diese Vermutungen und Annahmen weiter untermauern lassen.

Zurück zum heutigen Besuch von Yad Vashem:

Wir haben die Gelegenheit genutzt, um noch einmal in das Kinderdenkmal zu gehen, das an die etwa 1,5 Millionen ermordeten jüdischen Kinder erinnert.

Ich selbst bin heute zum dritten Mal auf diesem nur von wenigen Kerzen beleuchteten Weg durch einen Felsen gegangen. Es ist für mich aber nach wie vor erschütternd, wenn ich die Stimmen höre, die Vor- und Nachnamen, das Alter und die Herkunft der ermordeten Kinder nennen. Diese Stimmen kommen von vorn, von hinten, von rechts und von links,

Ich fühle mich dann immer an den Jom Ha Shoa, den jüdischen Holocaust-Gedenktag erinnert, an dem ja auch die Namen von deportierten und später ermordeten jüdischen Menschen vorgelesen werden. Hierdurch soll diesen Menschen gedacht werden, denn der, der einen Namen hat, ist auch ein Mensch, um den getrauert werden kann. Ich selbst lese aus diesem Anlass bei den Veranstaltungen der jüdischen Gemeinde seit einigen Jahren auch immer Namen.

Nachmittags folgte dann das absolute Kontrastprogramm:

Wir sind mit einem Taxi bis zum Jaffator gefahren und sind dann kreuz und quer durch die Altstadt gelaufen. Hungrig gemacht haben uns die Gerüche und Düfte, die durch die engen Gassen wabern. Eine Portion Falafel, die man an fast jeder Ecke der Altstadt kaufen kann, wurde unser Mittagessen.

Wer in der Jerusalemer Altstadt unterwegs ist, muss auch zur Klagemauer gehen, um dort zu beten oder einfach  seinen Gedanken nachzuhängen. Viele Menschen haben auch kleine Zettel bei sich, die man dann in die Fugen stecken kann. Man sagt, dass das, was auf diesen Zettel steht, auch von einer höheren Instanz wahrgenommen wird. Wir hatten auch Zettel bei uns…

Zu einem Besuch in der Altstadt gehört für mich aber auch ein frisch gepresster Saft aus Granatäpfeln. Der hat uns auch heute wunderbar geschmeckt.

Am späten Nachmittag kamen wir im Hotel dann in den Trubel einer riesigen Schabbatfeier. Es wurde gebetet, gesungen und gelacht. Kleine, größere Kinder tollten durch die Lobby und die Bar. Es war eine tolle Stimmung, die sich auch beim Essen fortsetzte. Wer einmal unter über 200 Menschen gesessen hat, die ihren Feiertag mit lauten Gesängen feiern, weiß wovon ich hier berichte.

Nach dem Abendessen sind wir auf unsere Zimmer gegangen. Ich musste ja schließlich noch diesen Tagebucheintrag schreiben.

Nun haben wir zum Arbeiten eigentlich nur noch den Sonntag, der in Israel der Beginn einer neuen Arbeitswoche ist. Hermann und ich sind gespannt, was hier noch alles passieren wird.


 

 

Jerusalem, Samstag, den 10. Dezember 2011

Heute haben wir uns einen archiv- und museumsfreien Tag gegönnt. Aber auch dabei gelingt es kaum, sich vom Thema unserer Reise zu lösen. Am Frühstückstisch gesellt sich ein Pfarrer zu uns, der von einem schwerreichen Menschen, der durch bundesweite sportliche Ambitionen bekannt geworden ist, berichtet. Seine Familie war vor Ort in das NS-System verstrickt und er hat durch finanzielle Unterstützung zur Aufarbeitung der Familienhistorie beigetragen. But now about our day off.

Vor ein paar Tagen war uns gelungen einen Taxifahrer anzuheuern, um uns nach Bethlehem zu fahren. Das war gar nicht so einfach. An Schabbat sitzt kein jüdischer Taxifahrer hinter dem Steuer. Außerdem dürften die nur bis zu einem bestimmten Checkpoint fahren. Dort müssen die Fahrgäste vom weißen in ein gelbes, das bedeutet palästinensisches Fahrzeug umsteigen. Verstöße werden, so wurde uns erzählt, scharf geahndet. Wir haben eine derartige Wechselaktion vom Auto aus miterleben können. Anders verhielt es sich in unserem Fall. Der Fahrer war Beduine mit israelischem Pass und konnte deshalb unbehelligt bis nach Bethlehem durchfahren. Als wir später wieder nach Israel einreisten wurden unsere Pässe und das Taxi kontrolliert.

Unterwegs organisiert unser Fahrer per Telefon einen Fremdenführer für einen geführten Rundgang durch die Geburtskirche und empfiehlt uns Josephs Laden, parat, wo wir hinterher ein paar Souvenirs kaufen könnten. Für mich hat der Besuch den besonderen Reiz, meine diesjährige Weihnachtspost aus Bethlehem zu verschicken. Immerhin ging von dieser Stadt vor über 2000 Jahren das Fest mit der Geburt des Jesus seinen Ausgang genommen. Auch Klaus hat einiges auf dem Zettel.

Wir erreichen den Platz vor der Geburtskirche. Wie aus dem Nichts wird uns ein freundlich lächelnder Mensch als unser Fremdenführer vorgestellt. Kaum sind wir aus dem Taxi geht’s auch schon in Richtung Gotteshaus. Es folgt ein Schnelldurchgang in Sachen Baugeschichte aufgehängt an dem ein Meter mal 60 cm kleinen Eingang. Die Kirche sei nie zerstört gewesen und deshalb der älteste erhaltene Sakralbau. Wir richten uns auf und stehen in einer Art Vorhalle, die ursprünglich nicht getauften Menschen vorbehalten gewesen sein soll. Dann in raschen Schritten durch das rechte Kirchenschiff zu den Stufen hinab zur Geburtsgrotte „Knee down, give me Camera, I take Foto – Hier hat Krippe gestanden.“ Ich fühle sanften Druck auf der Schulter. No, no, down, down: Zweites Foto. Schon geht es die Stufen hinauf zurück ins Kirchenschiff. Unser Führer erzählt weiter, von Telefongesprächen unterbrochen, deutet er mal hier mal dorthin, wandte sich uns wieder zu. Erst allmählich begreife ich, dass er von den Mosaiken oberhalb der Säulenreihe spricht, gefolgt von einem kurzen Hinweis auf ähnliche Kunstwerke unter einer Verglasung im Boden. Wir folgen ihm zur Katholischen Kirche, von hier werde der Gottesdienst in der Christnacht übertragen. Ich spüre eine Mischung aus Amüsement und Frustration. Dann lenkt er uns in einen Innenhof und weiter durch ein Gewölbe mit einer Darstellung des Heiligen Georg im Kampf mit dem Drachen -  Ende der „Führung“.

Auf dem Platz vor dem Archäologischen Museum erhebt sich ein riesiger Weihnachtsbaum in den blauen Himmel, an dem man von einer Hebebühne aus den letzten Schmuck anbringt. Der Platz wird von Arkaden mit vielen kleinen Souvenirläden gesäumt. In einem der Geschäfte werden wir wohl erwartet. Weit gefehlt. Wir folgen unseren Guide durch eine Seitengasse vorbei an Werkstätten in denen aus Olivenholz, der Saison entsprechend, in Handarbeit Krippenfiguren gefertigt werden. Rechts werden wir in ein Gässchen gelenkt und mit Hallo empfangen. Offenbar sind wir bei „Josephs Laden“ angelangt. “Hello my friend, welcome“. Wir setzen uns um einen zum Tischchen umfunktionierten Hocker, köstlicher Tee mit Minze wird ausgeschenkt, dazu gibt es Humus, Olivenöl, einen süße Rosinenpaste und Fladenbrot. Nach dem Imbiss geht’s zum Einkaufen, wobei das Wort hier für einen Europäer eine ungewöhnliche Bedeutung erfährt. Es wird mit allen erdenklichen Tricks gearbeitet und wirklich einer Kunst der Überredung um Preise gefeilscht, die Armut der Familie wird beschworen, die hungernden zu Hause, die kranke Großmutter, die schlechten Geschäfte und man möge doch die Christen unterstützen, die in Bethlehem in der Minderheit seien. Zwischendurch wieder heißer Tee. Mit jedem „no“ unsererseits sinkt der Preis. Als Klaus und ich schließlich den Erzählungen aus „Tausend und einer Nacht“ erliegen gibt es zum Schluss meine Weihnachtskarten noch obendrauf und für jeden eine Tasse mit dem Schriftzug „Bethlehem“ extra. Obwohl ich mir im Nachhinein sicher bin, zu viel bezahlt zu haben, empfand  ich den „Einkauf“ als sehr vergnüglich.

Als wir auf dem Rückweg den Checkpoint nach Israel erreichen, müssen wir unsere Pässe zeigen und das Taxi wird durchsucht. Am Hotel angelangt, verabreden wir uns mit unserem Fahrer für den folgenden Morgen für die Strecke zur Arbeit nach Yad Vashem.


 

 

Jerusalem, Sonntag, 11. Dezember

Nach dem Schabbat ist der Sonntag in Israel ein normaler Arbeitstag. Unser Frühstück dauerte heute nicht lange. Wir hatten am Samstagabend bei einem „Sundowner“ noch den Stand unserer Recherchen diskutiert und waren dann auf unsere Zimmer gegangen. Im Verlauf des Abends kam es mehrfach zu Telefonaten zwischen Klaus und mir. Durch unser Gespräch war etwas deutlich geworden, das uns in helle Aufregung versetzte. Was war geschehen. Wir hatten nochmals Dreyers Briefe vorgenommen, insbesondere jenen vom 23. Dezember 1942 aus Krasnystaw. Damals schrieb er an seine Frau, er werde im Gegensatz zu den meisten seiner Kameraden nicht ins „Altreich“ zurückkehren um in Berlin Dienst zu tun, sondern vor Ort bleiben. „Ich wurde als einer der wenigen gefragt ob ich bleiben wollte und ich habe ja gesagt “.  Ich welchen Zusammenhang war dieser Brief zu verstehen? Welches Motiv konnte er haben in diesem gefährlichen Einsatz zu bleiben, angesichts dessen, dass fast tagtäglich Kameraden erschossen wurden? Immerhin hatte er zu Hause eine schwangere Frau und einen 12-jährigen Sohn, die beide täglich um das Leben des Vaters bangten? Was bedeuteten Dreyers häufig wechselnden Einsatzorte innerhalb kürzester Zeit und über Entfernungen von 100 Kilometern hinweg und mehr? Hatte er sich womöglich bei der Verfolgung und Tötung der Juden im Generalgouvernement so sehr „qualifiziert“, dass er zu bleiben aufgefordert worden war um sich im Anschluss an die „Aktion Erntefest“ an der Vertreibung und Tötung polnischer Bauern zu beteiligen? Mit Sicherheit gehörte der Kampf gegen sog. Partisanen zu den Aufgaben der Einheit, der Dreyer nun abgehörte. Handelte es sich dabei noch die alten 67er aus Essen? Seit Ende November 1942 existierte ja mit der Polizeiabteilung z.b.V. Zamosc eine Art Sondereinheit mit speziellen Aufgaben? Und welche Rolle spielte Wilhelm Meurin, dessen Lebensspuren Klaus verfolgte, in diesem Zusammenhang

Wir hatte uns vorgenommen unsere Vermutung mit Dr. Noa Mkayton und Dr. Uziel in Yad Vashem zu diskutieren. Beide konnten unserer These viel abgewinnen, aber den letzten Beleg hatten wir noch nicht gefunden. So kann sich jeder vorstellen, mit welcher Intensität wir an diesem Tag die Archivbestände durcharbeiteten. Im Lauf des Vormittags kam noch Giora Zwilling, der für die Registrierung der riesigen noch nicht verzeichneten Dokumentenbestände zuständig ist Auch ihm stellten wir unsere These vor und er konnte unseren Überlegungen nachvollziehen. Eine halbe Stunde später verabschiedete er sich von uns mit dem Versprechen die noch unSpurensuche zum Essener Reserve-Polizei-Bataillon 67 in Polen in Juni und Septemberverzeichneten Bestände auf unsere Fragestellung hin zu durchforsten. Auch hier übrigens wieder ein Beleg für die große Unterstützung, die wir in Yad Vashem erfahren durften.

Auch bei den von Steven Spielberg aufgenommenen Testimonies kamen wir einen Schritt weiter. Die Aussage zu den Ereignissen in Krasnobrod vom Oktober 1942 erhielten wir auf DVD, allerdings in Hebräisch und nahmen uns vor, sie in Deutschland übertragen zu lassen.

Die Zeit war auf fast fünf Uhr vorgerückt als wir die Arbeit beendeten, uns von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Archivs verabschiedeten und zum Hotel zurückfuhren.

DieRecherchen waren beendet aber nicht abgeschlossen. Für die weitere Arbeit hatte Dr. Uziel Klaus und mir ein Schreiben an andere Institutionen mitgegeben mit der Bitte, uns bei unseren Forschungen nach Kräften zu unterstützen.

„... I supported their research during their term in the Yad Vashem Archives and was impressed by there depth of their research and by the amount of primary and secondary sources they are using. I would therefore recommend relevant institutions and archives to fully support their work...“

Das Essen mit Noa, ihrem Sohn Yitzak und Anna am Abend im La Boca bildet sozusagen den krönenden Abschluss unserer Tage in Jerusalem.


 

 

Jerusalem, 12. Dezember

Zum letzten Mal nehmen wir den morgendlichen Weg nach Yad Vashem, um uns beim gesamten Team zu verabschieden. Wir bedanken uns für die hervorragende Unterstützung und die Offenheit, die wir erfahren durften und die vielen neuen Erfahrungen, die wir machen konnten. Klaus und ich haben uns ein weiteres Mal als gutes Gespann erwiesen. Auch dafür bin ich dankbar.

Trotz der wenigen Stunden die uns verblieben nutzten wir die Zeit im Archiv noch mal die Rechner hochzufahren, um zu überprüfen, dass wir nichts vergessen oder übersehen haben. Arbeit bis zur letzten Sekunde.

Gegen 12 Uhr kommt Noa’s Mann mit dem Taxi und bringt uns zum Flughafen nach Tel Aviv. Der Flieger startet um drei Uhr.

Farewell Yad Vashem, farewell Israel.

Shalom.

 

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